Was ist chronischer Schmerz

Was ist chronischer Schmerz und welche Arten werden unterschieden?

Bei Schmerzen, die länger als drei Monate andauern, spricht man von chronischen Schmerzen. Die Schmerzen persistieren, obwohl ihre Ursache bereits abgeheilt ist. Die Schmerzforschung geht davon aus, dass chronische Schmerzen oft durch ein überempfindlich gewordenes Nervensystem hervorgerufen werden.

Beispiele für chronische Schmerzerkrankungen oder Erkrankungen, die zu chronischen Schmerzen führen können, sind:

Arthrose
Rheuma (rheumatoide Arthritis)
Rückenprobleme
Fibromyalgie

 

Schmerz ist nicht gleich Schmerz

Schmerzforscher unterscheiden vier Arten von Schmerzen in Abhängigkeit von ihrer Genese:

Nozizeptive Schmerzen

Schmerzen, die durch eine Verletzung, Hitze oder Störungen im Gewebe oder an Organen verursacht werden.
Bei chronischen Nozizeptorschmerzen ist die Signalverarbeitung durch die Nozizeptoren und auch die zentrale Verarbeitung der Impulse gestört.  Diese Schmerzform umfasst z. B. viszerale Schmerzen, bei denen die Lokalisation der Nozizeptoren innerhalb der inneren Organe liegt sowie Oberflächen-und Tiefenschmerzen wie z. B. Schmerzen an Muskeln und Knochen.

 

Neuropathische Schmerzen

Ursächlich können Nervenreizungen oder -schäden infolge von Verletzungen, Störungen des Stoffwechsels oder Alkoholmissbrauch sein. Beispiele für neuropathische Schmerzerkrankungen sind Ischialgien, Schmerzen durch Nervenschäden bei Diabetes oder auch Nervenschmerzen nach einer Gürtelrose. Schon kleine, eigentlich nur geringe Reize können dann Schmerzen auslösen. Zudem können neuropathische Schmerzen sich manchmal verselbständigen und chronisch werden.

Schmerzen aufgrund einer veränderten Schmerzverarbeitung

Die Forschung nimmt an, dass länger anhaltende Schmerzen im Nervensystem „Schmerzspuren“ hinterlassen, die die Nervenzellen immer empfindlicher werden lassen – in diesem Zusammenhang wird auch von einem „Schmerzgedächtnis“ gesprochen.

Auch andere Prozesse werden diskutiert: So führten in Tierstudien Verletzungen an Nerven zu einem Umbau von Nervenfasern. Nerven, die für die Sinneswahrnehmung zuständig sind, leiteten nun auch Schmerzsignale weiter.
Weiterhin kann persistierender Stress dazu führen, dass die Schmerzverarbeitung im Gehirn beeinträchtigt wird und Schmerzen früher oder stärker wahrgenommen werden.
Zudem zeigten Studien, dass Schmerzen schon innerhalb weniger Minuten einen negativen Einfluss auf die psychische Verfassung haben können. Je anhaltender der Schmerz, desto grösser die zugeordneten Emotionen.

Folge: Nach einiger Zeit hat das Schmerzempfinden nicht mehr viel mit dem anfänglichen Auslöser gemein.

Nichtmedikamentöse Therapieansätze:

Um eine Schmerzchronifizierung zu verhindern und bei Patienten mit chronischen Schmerzen den maximalen Therapieerfolg zu erzielen, raten verschiedene Leitlinien zu integrativen bzw. multimodalen Therapieformen, die neben der medikamentösen Schmerztherapie auch psycho- bzw. verhaltenstherapeutische Verfahren und Physio- oder Bewegungstherapie umfassen.

Psycho- bzw. Verhaltenstherapien werden von den Leitlinien als ergänzende Maßnahme zur medikamentösen Schmerztherapie empfohlen

Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TPF)
Im Rahmen des psychodynamischen Verfahrens der TFP arbeitet der Patient unverarbeitete, verdrängte, innere Konflikte auf, die sich negativ auf das aktuelle Schmerzempfinden auswirken.

Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)
Der Patient erlernt schmerzverstärkende Verhaltensweisen im Umgang mit Schmerz und Stress zu erkennen und diese schrittweise durch neue Denk- und Verhaltensmuster zu ersetzen, um den Teufelskreis aus Stress & Schmerz zu durchbrechen.

Bei der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT)
werden  klassische verhaltenstherapeutische Techniken mit achtsamkeits- und akzeptanzbasierten Strategien kombiniert.

Mindfulness Based Stress Reduction (MBSR)
Die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion ist ein neuerer, vor allem in der USA populärer Ansatz, der zunehmend als eine bei chronischen Schmerzen hilfreiche Intervention eingestuft wird. Ihr Ziel ist, eine durch Gruppentherapie, Yoga, Meditation und Konzentrationsübungen herbeigeführte Neubewertung des Schmerzes.

Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR)
Diese zunächst für die Verarbeitung traumatischer Ereignisse entwickelte Methode ist mittlerweile eine evidenzbasierte psychotherapeutische Intervention, die auch bei verschiedenen Formen von chronischen Schmerzen eingesetzt wird. Der Ansatz basiert auf der Annahme, dass Schmerz als ein eigenständiges Trauma betrachtet werden kann.

Physio- & Bewegungstherapie

Auch durch Physio- oder Bewegungstherapie kann die medikamentöse Schmerztherapie erfolgsversprechend ergänzt werden und wird daher von verschiedenen Leitlinien, wie z.B. der Nationalen Versorgungsleitlinie „Nicht-spezifischer Kreuzschmerz“ und den Leitlinien „Gonarthrose“ und „Fibromyalgie“, empfohlen
Eine Physio- oder Bewegungstherapie trägt nicht nur zur Steigerung der Lebensqualität und Reduktion des Analgetikaverbrauchs bei, sondern stärkt bei ängstlichen Schmerzpatienten, die häufig überprotektive Verhaltensweisen entwickeln, das Vertrauen in die eigenen Körperfunktionen.

 

Akupunktur

Obwohl Akupunktur in der Therapie chronischer Schmerzen inzwischen fest verankert ist und auch in das Leistungsspektrum der gesetzlichen Krankenkassen (z.B. für Gonarthrose) aufgenommen wurde, wird ihre Wirksamkeit in der Literatur noch immer kontrovers diskutiert. Meta-Analysen sprechen jedoch dafür, dass Akupunktur bei chronischen Schmerzen mit klinisch relevanten und spezifischen Effekten einhergeht.

Musiktherapeutische und kunsttherapeutische Angebote

Hier gibt es Hinweise auf eine schmerzdistanzierende Wirkung.

Entkopplung Schmerz & Emotionen:

Negative Sprach- & Denkmuster durchbrechen:  Es ist wichtig, positive Ereignisse gezielt wahrzunehmen sowie schmerzverstärkende Gedanken zu vermeiden. So kann beispielsweise „Ich werde nun immer mit Schmerzen leben müssen“ oder „Ich kann nie wieder Sport machen“ relativiert und abgeschwächt werden in: „Derzeit habe ich Schmerzen. Allerdings kann ich einiges tun, um wieder schmerzfrei zu werden“ und „Ich bin derzeit in meiner Bewegung beeinträchtigt, versuche jedoch, mich körperlich zu betätigen, da es mir guttut“.

Schonhaltungen abgewöhnen & körperliche Aktivität fördern:
Bewegung gerade bei Beschwerden wie z.B. Rückenschmerzen ist sehr wichtig , um den Teufelskreis aus Schmerz, Schonhaltung und daraus resultierendem Abbau von Muskelmasse und Leistungsfähigkeit zu durchbrechen.

– Stressbewältigung: Schmerzen werden in angespanntem Zustand als stärker empfunden.  Es empfehlen sich stressabbauende Aktivitäten – beispielsweise Meditation, Yoga oder Tai-Chi.

– Regelmäßiger Schlaf: Auch Schlafmangel kann das Schmerzempfinden steigern.