Diagnostik bei Wirbelsäulenbeschwerden

Ärzte und Ärztinnen stehen vor der  Aufgabe, schädliche oder nutzlose Untersuchungen einerseits zu vermeiden, auf der anderen Seite aber bedrohliche Erkrankungen nicht  zu übersehen. Die Kunst ist, für jeden Betroffenen, die passende Behandlung zu finden.

Bei akuten Beschwerden reicht  eine gründliche Befragung und eine körperliche Untersuchung.  Hierbei wird überprüft, ob  man Hinweise für einen gefährlichen Verlauf findet. (siehe Kapitel  „red flags“).  Zu achten ist insbesondere auf eine  Schwäche von Muskeln oder Gefühlsstörungen, Schwierigkeiten beim Wasserlassen und beim Stuhlgang, nächtliche Verstärkung der Beschwerden.  Dann  sind weitere Untersuchungen erforderlich.

 

Bei anhaltenden Kreuzschmerzen (4-6 Wochen) ist dann der Einsatz von sogenannten bildgebenden Verfahren wie Magnetresonanztomografie (kurz: MRT) und Röntgen  zu prüfen. Oft  ist  dann eine Laboruntersuchung erforderlich um zu prüfen, ob sich eine Entzündung, eine Stoffwechselstörung, innere Erkrankung oder ähnliches hinter den Beschwerden verbirgt.  Da   psychosoziale Risikofaktoren das Auftreten chronischer Schmerzen begünstigen können, sollten auch diese möglichst früh beachtet werden.

Es gilt, nicht erst  nur den körperlichen und dann erst anschließend  den psychosozialen Bereich zu bearbeiten, um eine Fixierung auf körperliche Ursachen zu vermeiden. Dies erfordert ein individuelles und flexibles Vorgehen.  Frühzeitig  müssen Verläufe identifiziert werden, die erfahrungsgemäß häufig zu einer Chronifizierung  führen.

 

Überdiagnostik vermeiden!

Finden sich  im Patienten-Arzt-Gespräch und der körperlichen Untersuchung keine Hinweise für einen gefährlichen Verlauf, dann sollten   weitere Untersuchungen nur gut überlegt veranlasst werden.   Der Patient ist beunruhigt und will einen konkreten Befund, der die Beschwerden erklärt. Also werden sehr viele Aufnahmen gefertigt.  Der Patient  will ja sehen, wo es her kommt.  Wenn das Leiden einen Namen hat, dann vermindert dies oft die Ängste und das Gefühl des „Ausgeliefert seins“.

 

Meistens  gibt  es nicht nur eine Ursache für die Beschwerden. Meist  sind oft viele sehr unterschiedliche Faktoren „multifaktoriell“ beteiligt.

Wenn man bei x-beliebigen Personen, die gar keine Beschwerden haben,  eine Kernspintomographie durchführt, dann findet man bei der Mehrzahl deutliche degenerative Veränderungen.  Obwohl sie beschwerdefrei sind. Es gibt zahlreiche Untersuchungen, die zeigen, dass solche Veränderungen auch bei Menschen gefunden werden, die gar keine Beschwerden haben.

Es ist wichtig zu wissen, dass verschleißbedingte Veränderungen an der Wirbelsäule häufig gefunden werden. Oft  ist aber unklar, ob diese Auffälligkeiten wirklich der Grund für die Schmerzen und deren Intensität sind. Aus diesen festgestellten Veränderungen  im Röntgen und im Kernspintomogramm kann nicht direkt auf die Schmerzursache zurückgeschlossen werden.  Die Therapie solcher Zufallsfunde  ist oft unnötig.