„funktionelle Körperbeschwerden“

Medizinisch, organisch sowie somatisch nicht hinreichend erklärte Körperbeschwerden.  (Medically unexplained symptoms)

Sogenannte „funktionelle Körperbeschwerden“  oder  „nicht spezifische Beschwerden“.

Häufigkeit des Auftretens

Es handelt sich um Beschwerdebilder ohne ersichtliche Ursache, welche die Funktionsfähigkeit deutlich beeinträchtigen können.

Auch wenn eine einheitliche Ursache nicht gefunden werden kann, leidet doch der Patient erheblich unter seinen Beschwerden.

Im englischen wird hierfür der Begriff „Illness“ verwendet, auch bei fehlender Zuschreibung als einer definierten medizinische Erkrankung „Disease“.

Solche sogenannten funktionellen Körperbeschwerden kommen in der Allgemeinenbevölkerung mit etwa 10% häufig vor, in der Schmerzmedizin sogar bis zu 66%.

Frauen sind bis zu 3 mal häufiger betroffen als Männer.  Oft kommt es spontan zu einer Besserung, bei manchen wird es jedoch auch immer schlechter.

Häufig besteht gleichzeitig eine psychische Erkrankung (vor allem Angst, Depression).

Psychodynamische Modelle

Psychosoziale Faktoren haben eine  wichtige Bedeutung als Auslöser und für die Aufrechterhaltung der Symptomatik.

Es gibt die verschiedensten Theorien.

Beim Wahrnehmungs-Filter-Modell wird angenommen, dass zu jedem Zeitpunkt eine Vielzahl von Signalen aus allen Körperregionen im zentralen Nervensystem verarbeitet werden. Die Möglichkeiten der bewussten Verarbeitung sind jedoch begrenzt. Dieses Modell geht davon aus, dass Körpersignale beteiligt sind, die nicht ausreichend gefiltert werden und hierdurch zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit werden.  Es entwickelt sich  eine zentralen Hypersensitivität, also eine Schmerzüberempfindlichkeit im Gehirn, körperliche Signale werden vom Gehirn verstärkt wahrgenommen.

Lerntheoretischen Modelle betonen das erlernte Verhalten in der Herkunftsfamilie als Modell-Lernen.

Systemische Modelle betonen die Funktion des körperlichen Symptoms im familiären Kontext.

Neurophysiologische Modelle sehen funktionelle Körperbeschwerden als Stress-Verarbeitungs-Störung an.  Schon frühkindliche Stress kann zu einer erhöhten Kortisonausschüttung führen und zu einer Degeneration von nervalen Strukturen führen. Die Stress-Achse ist gestört und wird empfindlicher für spätere Stressbelastungen.

Psychodynamische Modelle betonen die inneren Konflikte des Individuums und seiner strukturellen Fähigkeiten, damit umzugehen.

In der Bindungstheorie geht man davon aus, dass funktionelle Körperbeschwerden als Entwicklungsstörungen aufgrund des Überwiegens unsicher Bindungserfahrungen entstehen.

Die soziale Umgebung kann  zur Erhaltung der Beschwerden beitragen, durch Unterstützung der Schonung und Vermeidung, z.B. durch lange Krankschreibungen, Frühverrentungen  usw.

Soziale Faktoren wie Armut, wenig Bildung und Arbeitslosigkeit sind oft verstärkende Faktoren.

Beziehungs Dynamik zwischen Arzt und Patient

Oft erwarten Patienten mit körperbezogenen Beschwerden von ihren Ärzten eine organisch begründete Diagnose. Wenn diese Erwartung nicht erfüllt wird und der Arzt sagt “Sie haben nichts!“, dann fühlt der Patient sich nicht ernst genommen und reagiert enttäuscht, fühlt sich oft als Simulant abgestempelt.

Auf diesem Erwartung Druck können Ärzte unterschiedlich reagieren: Minimale Befunde können zur alleinig erklärenden Ursache der Beschwerden erklärt werden,
oder die Ärzte weiten die körperliche Untersuchung immer weiter aus, um eine mögliche Entwertung des Patienten für eine Weile aufzuschieben,
oder die Patienten werden immer wieder zu Spezialisten weggeschickt, erleiden oft wiederholte invasive Maßnahmen, die sie weiter schädigen können.
Einige Patientin suchen Hilfe in paramedizinischen Parallelwelten oder bei Anbietern, die aus persönlichen finanziellen Vorteilen, wunschmedizinischen Vorstellungen nachgeben.

Die Vorstellung einer strikten Trennung in somatische und psychische Erkrankungen fördern die geschilderte Enttäuschungsdynamik.

Was man tun kann

Oft hilft, wenn der Arzt und der Patient gemeinsam eine abwartende und beobachtende Haltung einnimmt. Hierfür ist es oft hilfreich, wenn  Termine unabhängig von Beschwerden vereinbart werden und man gemeinsam  die Befunde und Beschwerden durchspricht und hierbei die bisherigen Hypothesen erneut gemeinsam überprüft werden können.

In einigen Fällen, ist eine psychotherapeutische Behandlung sinnvoll, wenn die Lebensqualität des Patienten eingeschränkt ist.

Im Rahmen einer multimodalen Therapie können gegebenenfalls eine Körpertherapie, eine Psychotherapie und nonverbale Techniken als Zusatzmaßnahmen innerhalb eines Gesamtbehandlungsplans zur zum Einsatz kommen.